Häfen

von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter

Gewerbewurten und Geestrandhäfen – mittelalterliche Handelshäfen an der deutschen Nordseeküste

Fränkische Reliefbandamphore Badorfer Ware aus Groothusen, Ldkr. Aurich. Foto: R. Kiepe, NIhK.

Zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert existierte an der südlichen Nordseeküste ein Netzwerk von Orten, die in den überregionalen Warenaustausch zwischen dem fränkischen-karolingischen Reich und den dänischen bzw. norwegischen Königreichen im Westen Skandinaviens eingebunden waren. Neben einzelnen Schriftquellen sind es vor allem archäologische Zeugnisse, die Auskunft über die Intensität und Ausrichtung dieser Kontakte geben. Als direkte Belege für Handel und Geldverkehr sind hier vor allem die frühmittelalterlichen Münzen zu nennen. Ein deutliches Bild gibt darüber hinaus die rheinische Importkeramik, deren Verbreitung entlang der Küsten und Flussläufe den Verlauf ehemaliger Verkehrswege widerspiegel. Diese und andere Funde belegen, dass die im Küstengebiet ansässigen Händler Seefahrer waren; ihre Handelsrouten folgten den großen Wasserwegen, auf denen sie auch tief ins Inland fuhren.

Handelsplätze des frühen und hohen Mittelalters an der südlichen Nordseeküste

Mit dem frühmittelalterlichen Handel bildeten sich spezialisierte Siedlungsformen heraus, die an die unterschiedlichen Naturräume angepasst waren und auch differente Organisationsstrukturen besaßen. In den Marschgebieten waren Händler und Handwerker nach gängiger Forschungsmeinung im Bereich von langgestreckten, über einen unmittelbaren Prielanschluss verfügenden Wurten – den sogenannten Langwurten – ansässig. Die postulierte wirtschaftliche Ausrichtung dieser Fundplätze auf Handel und Handwerk wurde bislang jedoch nur an wenigen Stellen durch Grabungen belegt (u.a. Emden, Groothusen). Zudem existierten auch Wurten, deren Bedeutung für Handel und Handwerk zwar gesichert ist, die jedoch nicht die charakteristische längliche Form besitzen. Um den forschungsgeschichtlich problematischen Begriff „Langwurt“ zu vermeiden und die sicher auf Handel und Handwerk ausgerichteten Wurten von den stärker agrarisch geprägten Ansiedlungen zu trennen, wurde daher der neutrale Begriff „Gewerbewurt“ eingeführt.

Arbeitsgebiet des Nordseehäfen-Projekts.

Richten wir den Blick auf die küstennahe Geest, so ist entlang der deutschen Nordseeküste eine Reihe von Burgwällen bekannt, die sich durch ihre besondere topographischen Lage auszeichnen. Im Gegensatz zu den Gewerbewurten liegen diese Plätze in jenen Naturräumen, in denen die Hochflächen der Geest dicht an die Küste oder die großen überregionalen Wasserläufe heranreichen und denen im Mittelalter nur ein relativ schmaler Marschenstreifen vorgelagert war. Die Erbauer der Burgen und die dahinter stehende Funktion sind in den meisten Fällen nicht genauer bekannt. Die Nähe dieser Plätze zu bedeutsamen Land- und Wasserwegen spricht allerdings dafür, dass sie in erster Linie zur Kontrolle des Verkehrs und daraus folgernd auch des Handels errichtet wurden.

Ziele und Arbeitsprogramm

Da „Gewerbewurten“ wie „Geestrandburgen“ auf den überregionalen Warentransport über den Wasserweg ausgerichtet waren, ist davon auszugehen, dass beide auch über Hafenanlagen verfügten. Von Ausnahmen abgesehen, sind entsprechende Einrichtungen im deutschen Nordseeküstenraum bislang allerdings kaum bekannt. Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es daher, zu folgenden Fragestellungen neue Erkenntnisse zu gewinnen:

1. Rekonstruktion der topographischen Lage der Häfen

Viele heute fernab der Küste liegende Orte lassen kaum vermuten, dass sie ursprünglich eine große Bedeutung für den regionalen und überregionalen Schiffsverkehr besaßen. Insbesondere der Deichbau und die mit ihm verbundene Reduzierung des Sedimenttransports in die Binnendeichs gelegenen Gebiete haben dazu geführt, dass Aussagen zu den paläotopographischen Voraussetzungen nur auf der Grundlage von kombinierten geologischen, vegetationsgeschichtlichen und bodenkundlichen Untersuchungen möglich sind. Die Auswertung aller verfügbaren publizierten und unpublizierten Informationen steht deshalb am Anfang der Untersuchungen. Darüber hinaus sind geophysikalische Prospektionsarbeiten zur Lokalisierung ehemaliger Wasserläufe vorgesehen, die durch Bohruntersuchungen vervollständigt werden sollen.

2. Anbindung der Häfen

Ein Ziel des Vorhabens ist es zu klären, in welcher Weise die Hafenanlagen in die jeweilige Siedlung integriert waren. So stellt sich die Frage, in welchem Umfang die naturräumlichen Voraussetzungen für die Art der Anbindung der Häfen an die jeweiligen Siedlungen entscheidend waren, oder ob bei ihrer Anlage eher die strukturellen Vorstellungen der Nutzer ausschlaggebend waren. Zu klären ist auch, ob sich regionale oder chronologische Besonderheiten erkennen lassen.

3. Konstruktion der Häfen

Ein wichtiges Ziel des Forschungsvorhabens ist die Gewinnung von Informationen über mögliche Hafenkonstruktionen, die mit dem Be- und Entladen von Booten oder Schiffen in Verbindung zu bringen sind. Sollten sich bei den beschriebenen Prospektionsmaßnahmen Hinweise auf im Boden verborgene Teile von Konstruktionselementen ergeben, sollen diese im Rahmen von Sondagen überprüft werden. Dabei steht die Gewinnung von Informationen über den Erhaltungszustand, die Datierung, die Ausdehnung und die Funktion im Vordergrund.

4. Chronologische Entwicklung der Hafenanlagen

Ein wesentliches Ziel des Projekts liegt weiterhin darin, chronologische bedingte Unterschiede in der Entwicklung der verschiedenen Hafenstrukturen herauszuarbeiten und in ihrem gesellschaftlich-technischen Kontext zu analysieren.

5. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung der Häfen

Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellenwert der mittelalterlichen Häfen wird zwar immer wieder betont, eine räumlich oder zeitlich differenzierte Darstellung der ökonomischen und sozialen Funktion der Küstenschifffahrt bzw. des Küstenhandels während des 7. bis 12. Jh. im deutschen Nordseeküstenraum ist aufgrund der vorhandenen Quellen bislang jedoch kaum möglich. Auf der Ebene von Mikroregionen, die während des Mittelalters als wirtschaftliche und gesellschaftliche Einheit zu betrachten sind, sollen daher alle für die Siedlungsgeschichte relevanten Daten mit Hilfe eines geographischen Informationssystems ausgewertet werden, um insbesondere die Rolle des Hafens innerhalb des lokalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu analysieren.

Mikroregion Jever mit möglichen Hafenplätzen.

6. Entwicklung von Methoden zur Lokalisierung und Untersuchung von Hafenanlagen im Nordseeküstenraum

Die eingesetzten unterschiedlichen Methoden sollen so weiterentwickelt werden, dass sie zukünftig als Routinen in der Siedlungsforschung des Nordseeküstenraums und ggf. darüber hinaus eingesetzt werden können. Im Vordergrund steht die Frage, welche Methode unter welchen Bedingungen die besten Ergebnisse erzeugt sowie welche bodenchemischen und pedologischen Faktoren die Prospektionsergebnisse in welcher Weise beeinflussen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Prospektion von hölzernen Konstruktionen in kompakten Feuchtsedimenten, die bislang nur in Ausnahmefällen möglich ist.

7. Überregionaler und diachroner Strukturvergleich von Hafenanlagen

Als Ergänzung zu den unter 1-5 beschriebenen Zielen sollen die im Rahmen des Projektes erzielten Ergebnisse mit ähnlichen Befunde und Strukturen aus den benachbarten Gebieten, insbesondere aus dem nördlichen Teil der Niederlande und aus Dänemark, verglichen werden. Auf diese Weise wird es voraussichtlich möglich sein, die Strukturen mittelalterlicher Häfen entlang des gesamten an das Wattenmeer angrenzenden Raums in ihrer Entwicklung vom 7. bis 12. Jahrhundert darzustellen.

Ergebnisse

Im Umfeld der untersuchten Plätze ermöglichte die kombinierte Anwendung geomagnetischer Methoden mit bodenkundlich-sedimentologischen Untersuchungen und archäologischen Sondagen die Lokalisierung ehemaliger Wasserläufe, potentieller Hafenareale sowie wasserbaulicher Infrastrukturmaßnahmen. Ferner konnten Informationen zu Ausdehnung, Charakter und Dichte der Besiedlung  sowie zur Datierung und wirtschaftlichen Ausprägung der Siedlungen gewonnen werden.

So zeichnet sich im Verlauf der bisherigen Untersuchung ab, dass küstennahe Wurtensiedlungen wie Groothusen, Grimersum oder Langwarden in der Regel an ehemaligen größeren, bis in das frühe Mittelalter bestehende Gezeitenrinnen angelegt wurden, die bei Niedrigwasser trockenfielen, jedoch bei Hochwasser schiffbar waren. Aus diesem Zusammenhang und den in Verbindung mit den archäologischen Quellen lässt sich mit großer Sicherheit eine Nutzung der Gewässer und eine Anbindung an die regionalen Wasserwege ableiten, jedoch konnten bislag weder Hafenanlagen oder Landeplätze sicher nachgewiesen werden. Dies läßt nach derzeitigem Stand vermuten, dass Landestellen auch ohne aufwenige Konstruktionen durch geeignete Wasserfahrzeuge nutzbar waren. In Groothusen wurde zudem ein bereits in der Vorrömischen Eisenzeit anthropogen ausgebauter Wasserlauf nachgewiesen, der zeigt, dass die Siedler bereits sehr früh durch wasserbauliche Maßnahmen in ihre Umwelt eingriffen.

Hinsichtlich der traditionell als Händler- und Handwerkersiedlungen angesehenen Langwurten wie auch der postulierten Gewerbewurten ist eine mittelalterliche Gründung wie auch eine originäre auf den überregionalen Handel und Gewerbe ausgerichtete Wirtschaft nur in wenigen Fällen nachzuweisen. In vielen Fällen ergaben sich deutliche Hinweise, dass die Siedlungen häufig bereits spätestens in der römischen Kaiserzeit bestanden und möglicherweise auch noch im frühen Mittelalter eine agrarische Phase durchlaufen haben.

Die bislang durchgeführten Grabungen an im direkten Umfeld von Geestrandburgen gelegenen Handels- und Handwerkersiedlungen (Cuxhaven-Sahlenburg, Witsum, Goting) zeigen, dass in den durch Grubenhausbebauung geprägten Siedlungen vorrangig kleinräumig divergierende Handwerke wie Schmiedetätigkeiten oder Textilproduktion ausgeführt wurden. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die an Geestrandburgen gelegenen Siedlungen nicht nur in das überregionale Handelsnetzwerk eingebunden waren, sondern auch einen auf handwerkliche Produktion ausgerichteten wirtschaftlichen Schwerpunkt besaßen.

Im Falle der aufgelassenen teilweise agrarisch geprägten Wurtensiedlung Freiburg-Landesbrück deutet sich an, dass neben Siedlungen an Geestrandburgen und Gewerbewurten auch Umschlagplätze mit handwerklicher Produktion und angeschlossenem Ufermarkt in den überregionalen Seehandel eingebunden waren.

Ausblick

im Rahmen künftiger Untersuchungen soll die erfolgreich angewandte Methodik  für die hochauflösende paläotopographische Rekonstruktion ausgewählter Fundplätze weiter ausgebaut werden. Darüber hinaus sollen Häfen und Landestellen, die an Siedlungen angebunden waren, hinsichtlich möglicher Konstruktionen für das Be- und Entladen von Schiffen eingehender charakterisiert werden.

Durch weitere Forschungen soll desweiteren geklärt werden, in welchem Umfang auf den küstennahen Wurten auch spezialisiertes Handwerk betrieben worden ist und ob die im Fokus des Projekts stehenden frühmittelalterlichen Siedlungen von Freiburg und Groothusen in Kontinuität zu älteren Strukturen zu sehen sind.

Darüber hinaus sollen die unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche und gesellschaftlichen Organisationsformen innerhalb der teils weitläufigen Siedlungen zeitlich und räumlich näher differenziert werden. Ziel ist dabei die Klärung der Frage, welche ökonomischen und gesellschaftlichen Funktionen die maritim orientierten Plätze im lokalen Siedlungsgefüge sowie im überregionalen Handelsgeschehen erfüllten. Dies soll modellhaft anhand einzelner Mikroregionen erfolgen.

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