Häfen

von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter

"North meets East"

Aktuelle Forschungen zu antiken Häfen

von Julia Daum und Martina Seifert

Hafenstädte sind seit alters her wichtige Schnittstellen für kulturübergreifende Kontakte und Kristallisationspunkte von Handel und Wirtschaft. Schon in der Bronzezeit legten die Menschen im nord- wie im südeuropäischen Raum Landeplätze an Binnensee-, Fluss- und Meerufern mit unterschiedlicher infrastruktureller Anbindung an das jeweilige Hinterland an. Spuren solcher Anlagen und Plätze lassen sich zu Lande und im Wasser unter günstigen Erhaltungsbedingungen im archäologischen Befund fassen. Je nach Funktion, Region und Entstehungszeit zeigen die Anlegestellen verschiedene Größen und Ausprägungen. Oftmals reichte eine geschützte Meeresbucht oder eine Furt an einem Fluss mit entsprechender Landanbindung aus, um einem Floß, Boot oder Schiff die Landung zu ermöglichen, Waren zu löschen oder aufzunehmen und Menschen wie Waren ihren Zielpunkten zuzuführen. Andernorts bedurfte es aus logistischen oder topographischen Gründen hierzu aufwändiger Infrastrukturen, die sich in baulich gestalteten Hafenbecken mit Kaimauern und angrenzenden Gebäuden wie Lagerhallen, Schiffshäusern oder Verwaltungsgebäuden niederschlugen. Häufig waren diese verschiedenartig gestalteten Häfen mit einer Siedlung oder gar einer Stadt verbunden, deren Charakter durch die Lage am Wasser nachhaltig geprägt wurde. Bekannt sind gerade auch aus dem antiken Mittelmeerraum sogenannte Emporia, also Handelsplätze, deren gesamte Infrastruktur auf den Warenumschlag ausgerichtet war. Innovationen im Schiffbau, ob nun bei Kriegs- oder Handelsschiffen, erforderten entsprechende Anpassungen in den Hafenanlagen. Die Beförderungsmittel selber, also Schiffe, Boote oder Flöße waren ebenfalls mannigfaltig in Funktion und Gestaltung. Einige von ihnen erhielten sich als archäologische Hinterlassenschaften oder waren Gegenstand der bildenden Kunst, so in Form von Modellen, auf Vasenbildern, Mosaiken oder Wandgemälden und Münzen.

Bereits 1923 schrieb Karl Lehmann-Hartleben seine richtungsweisende Arbeit zu den Hafenanlagen des antiken Mittelmeerraumes. In den letzten Jahren hat die Erforschung antiker Häfen und Hafenstädte gewissermaßen Konjunktur. Dies liegt zum einen an den zunehmenden wasserarchäologischen Forschungen und sensationellen Funden antiker Schiffswracks der letzten Jahrzehnte, die durch die Unternehmungen zum Beispiel im Hafen von Alexandria, durch die vor der kleinasiatischen Küste entdeckten Wrackfunde von Uluburun und Gelidonya oder aber durch die spektakulären Haitabu-Funde internationales Interesse und Berühmtheit erlangt haben. Zum anderen haben die technischen Möglichkeiten der Erforschung seit der Erfindung des Scuba-Tauchens und der Unterwasserprospektion einen wahren Entwicklungssprung in der Forschung ermöglicht. Die in den neunziger Jahren eingerichtete Kommission Unterwasserarchäologie beschäftigt sich neben der Detektion und Dokumentation von archäologischen Fundplätzen – vornehmlich in Deutschland – mit den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Denkmalpflege. Ein wichtiges Anliegen ist die Aufklärung über den verantwortlichen Umgang mit unserem kulturellen Erbe unter Wasser, das durch die verbesserten technischen Möglichkeiten zunehmend erreichbarer und damit auch gefährdeter ist. Auch die Deutsche Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e.V. unterstützt seit mehreren Jahren erfolgreich die taucharchäologische Ausbildung von Sport- und Forschungstauchern und ist über ihre Mitglieder in zahlreiche Projekte im In- und Ausland involviert. An mehreren deutschen Universitäten, darunter Konstanz, Kiel, Marburg und Hamburg, gründeten sich Forschungstauchergruppen.

An der Universität Hamburg wird im Rahmen der Klassischen Archäologie und der Vor- und Frühgeschichte seit mehr als fünf Jahren zur Hafenthematik gearbeitet und geforscht. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen standen im Fokus des Workshops «North meets East», der Anfang Februar Absolvent/-innen der Universität Hamburg mit internationalen Forschern zusammenführte, deren wissenschaftlichen Schwerpunkte in der Hafenforschung in Nord- und Südeuropa liegt und die mit dem Hamburger Institut auf der Ebene von Forschung und Lehre verbunden sind. Im Jahr 2012 richtete die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Schwerpunktprogramm 1630 zum Thema «Römische Häfen von der Kaiserzeit bis zum Mittelalter» ein, an dem die Verfasserinnen («Effizienz und Konkurrenz») und der Kollege Hauke Jöns mit seinen Mitarbeiter/–innen («Nordseehäfen» und «Ostseehäfen») beteiligt sind.

Der Hamburger Workshop sollte die Ergebnisse der aktuellen Forschungsarbeiten zusammenführen und die Grundlage für weitere Theorie– und Methodenorientierte Diskussionen im Teilnehmer/–innenkreis schaffen. Der Titel «North meets East» spiegelte die Struktur und den inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltung gleich in doppelter Weise wieder: Die thematische Breite der Vorträge reichte regional vom nördlichen Mitteleuropa bis ins östliche Mittelmeergebiet und umfasste von ihrem Zeithorizont her Projekte von der Bronzezeit bis ins Mittelalter. Vorgabe war, einen Fragestellung-basierten Teilaspekt des jeweiligen Forschungsvorhabens zu präsentieren.

Der Schwerpunkt der ersten Sektion lag auf Forschungen zum östlichen Mittelmeergebiet und zur Türkei:

Martin Eckert (Hamburg) beschäftigte sich mit den Methoden zur Bestimmung der Seewege im östlichen Mittelmeer in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit. Sein Beitrag lieferte eine kritische Einschätzung bisheriger Thesen zu Handels- und Transportwegen im östlichen Mittelmeerraum und den vermeintlichen Hegemonialbestrebungen bronzezeitlicher Kulturen. Überzeugend zeigte er auf, wie z. B. die Ausbreitung des Aphroditekultes zur Klärung dieses Sachverhaltes beisteuern kann.

Am Beispiel wenig bekannter epigraphischer Zeugnisse identifizierte Rostislav Oreshko (Hamburg) die Hethiter als eine der bedeutenden Interessenten im Machtkampf um die Seewegezugänge im süd-westlichen Karien der Spätbronzezeit.

Taucharchäologische Untersuchungen in Karien am Beispiel der Hafenstadt Myndos präsentierten Mustafa Sahin (Bursa) und Serkan Gündüz (Hamburg/Bursa). Wie Hafenbefestigungen und Wrackfunde vor der Küste eindrücklich belegen, existierten in Myndos bis in die byzantinische Periode sowohl ein innerer Handels– sowie ein äußerer Militärhafen. Die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Untersuchung von Hafenstädten in der Feldforschung (über und unter Wasser) wurde hier deutlich vor Augen geführt.

Anja Rutter (Hamburg) stellte am Beispiel der Befunde einer seldschukischen Werft in Alanya die Netzwerkanalyse als wichtiges Instrumentarium zur Bestimmung von Handelsknotenpunkten vor und lieferte hiermit einen wichtigen interdisziplinären Beitrag zu GIS-basierten Auswertungs- und Darstellungsverfahren. Die Analyseform unterstützt die Erstellung von Hafenhierarchien und hilft bei der Visualisierung von Epochen-übergreifenden Veränderungen in einer Region.

Forschungen zur Römischen Kaiserzeit und zum Mittelalter in Italien und Nordeuropa bildeten den zweiten thematischen Schwerpunkt der Beiträge.

Eine beeindruckende Fülle von zum Teil entlegen publiziertem Material legte Wenthe Krüger (Hamburg) bei der Besprechung der städtischen Hafenstrukturen von Rom und Ostia vor. Im Vordergrund ihrer Arbeit stand die Analyse der politischen, wirtschaftlichen und kultischen Kontexte in Zusammenhang mit dem Hafenbau und -ausbau in der Königszeit und der römischen Republik. In dieser Zeit des urbanen Wachstums erfolgten aufwändige Anpassungen der Hafenanlagen, hierunter nicht nur Anleger und Molen, sondern z. B. auch Lagerflächen, Verwaltungsgebäude oder Werften sowie die unabdingbar in ein römisches Hafenareal gehörenden Kultbauten.

Konkurrenz und Effizienz von italischen Häfen standen im Fokus des Beitrages von Julia Daum (Hamburg). Vor dem Hintergrund von wirtschaftlichen Ressourcen, Infrastruktur und epigraphischer Überlieferung untersuchte sie die Auswirkungen des Hafenbaus von Centumcellae auf die unmittelbaren Nachbarhafenstädte Graviscae, Castrum Novum und Pyrgi. Hierbei zeigte sich, dass sehr unterschiedliche Faktoren Einfluss auf Erfolg und Misserfolg hatten: Bedingungen, die für den einen Standort optimal sind, können von eher peripherer Bedeutung für einen anderen Hafen sein. Der Erfolg eines Hafens liegt nicht einzig an seiner günstigen Anbindung ans Hinterland. Demographische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, nicht zuletzt auch die politischen Beziehungen der Bewohner der Hafenstadt und der Einfluss der Werftbesitzer und Schiffseigentümer.

Eine vollkommen andere Befundlage weisen die Anlagen im nördlichen Teil des Römischen Reiches auf. Landeplätze und Ufermärkte in der Römischen Kaiserzeit als Ausgangspunkte für Warentausch und Kommunikation standen im Zentrum des Vortrages von Annette Siegmüller (Wilhelmshaven). Die Rekonstruktion der Befunde erfolgte auf der Grundlage von Dokumentationen von Altgrabungen, die teilweise bereits zu Beginn des 20. Jh. durchgeführt wurden. Ziel ist es unter anderem, die bekannten Siedlungen in der Nordseeküsten Region auf ihre Anbindung zur See hin, und damit zum maritimen Handel, zu überprüfen. Besonders durch die Sturmflut–Schutzmaßnahmen der letzten 100 Jahre ist für diese Siedlungen eine Beteiligung am Seehandel nur indirekt nachweisbar.

Methodik und erste Ergebnisse aktueller Forschungen frühmittelalterlicher Handelshäfen im Nord- und Ostseeraum im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms «Häfen der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter» waren Gegenstand der Ausführungen von Hauke Jöns (Wilhelmshaven).

Besonderer Gast der Veranstaltung war schließlich Bjørn Lovén (Kopenhagen) mit seiner Vorstellung des gerade neu initiierten griechisch-dänischen Projektes am Hafen von Korinth. Es kristallisierte sich hier ein besonders großer Gesprächsbedarf unter den Workshopteilnehmer/-innen heraus, sich über die logistischen und methodischen Anforderungen an ein neu zu startendes Großprojekt auszutauschen.

Ein gemeinsamer Konsens in der abschließenden, lebhaft geführten Diskussion ergab sich im Wunsch nach großräumigen Analysen und einer zukünftig stärkeren Vernetzung der einzelnen Projekte. Ein Austausch über Terminologien wurde von allen Workshop-Beteiligten als wesentlich für das weitere Vorgehen angesehen. Als übergreifende Problemstellungen kristallisierten sich Fragen nach den Nutzungsphasen einzelner Häfen, nach wirtschaftlichen und demographischen Zusammenhängen, Akkulturationsprozessen, Wissenstransfer und nach der Vernetzung von Hafen und Hinterland heraus. Eine Folgeveranstaltung ist für das Jahr 2015 geplant.

Die Ergebnisse des Workshops werden als Sonderband der Reihe Hephaistos publiziert (avisierter Erscheinungstermin Herbst 2014).

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

Anmelden

Kennwort vergessen?